20 Jahre auf dem Weg – eine Zwischenbilanz

Genau 20 Jahre ist es inzwischen her, dass meine Seele sich so deutlich zu Wort gemeldet hat, dass auch mein Umfeld es bemerken musste. Damals, mit 14, war eine Essstörung der erste Ausdruck, den sie gewählt hat.
Dass Woche für Woche weniger von mir übrig war, war wohl ein stiller, aber unübersehbarer Aufschrei meines Inneren.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, bin ich erstaunt, wie einfach und schnell sich diese Muster entwickelt haben.

Obwohl ich immer große Freude am Essen hatte, war es irgendwann befriedigender, das Gefühl zu haben, Kontrolle darüber zu haben, was die Waage anzeigt, als satt zu sein oder etwas genossen zu haben. Lieber etwas schaffen, das ich mir in den Kopf gesetzt hatte, ohne Rücksicht auf Verluste.

Diese setzten nämlich unbemerkt ebenfalls rasch ein – ein Verlust an Kilos, der mit dem nachhaltigen Verlust eines relativ realistischen Körperbilds einherging. Außerdem der Verlust des körperlichen Schutzpanzers, der zuvor anscheinend auch ein Stück weit die Seele beschützt hatte.

Auch wenn die Phase des Abnehmens durch rasches Einschreiten meiner Mutter bald zum Stillstand kam, blieb ein deutlicher Wandel in meinem Wesen zurück. Aus dem lauten, pummeligen, sehr präsenten Kind war eine zartes, unsicheres Mädchen geworden, das sich oft am liebsten versteckt hätte.

Wie schnell so etwas dann plötzlich gehen kann! Wenige Monate und nichts ist mehr, wie es vorher war. Die Staumauer, die davor alles zusammengehalten hatte, war gebrochen und aus allen Ritzen strömte das Wasser hervor. Denn natürlich war die Essstörung nicht das erste Problem, sondern nur der erste Ausdruck davon, der so deutlich bis nach außen durchgedrungen ist.

Darauf folgten Jahre mit vielen Aufs und Abs, unterschiedlichsten Symptomen, Diagnosen, Medikamenten, Therapien, Krankenhausaufenthalten und Ähnlichem mehr.
Die Staumauer ließ sich nicht mehr kitten, das Wasser musste auf andere Art seinen Weg finden, bis der Druck sich wieder reguliert hatte.

Währenddessen gab es lange Phasen, in denen ich nicht mehr leben wollte, in denen die Hoffnung unter düsteren Prognosen begraben war und scheinbar kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen war. Wo die Sturzfluten mich einfach überwältigt haben und ich keine Ahnung hatte, wie ich sie regulieren könnte.

Was bin ich heute dankbar, dass ich diese Phasen ausgesessen bin! Dass ich – mir selbst damals unerklärlich – irgendwie ganz leise, kaum wahrnehmbar, irgendwo tief drin trotzdem weiter gehofft habe, dass das irgendwann, irgendwie werden wird und ich meinen Weg finden werde.

Es war bisher ein bunter, turbulenter und absolut unvorhersehbarer Weg mit diversen Höhen und Tiefen – und ich gehe ihn weiterhin.

Als ich ein paar Jahre später, mit Mitte zwanzig, in meiner Wohnung in Wien stand und mir mein Leben ansah, war ich immer wieder dermaßen von Glück erfüllt, weil alles, wovon ich in den harten Zeiten zuvor heimlich geträumt habe, eingetreten ist. Ich studierte Ergotherapie, war Teil eines bunten, fröhlichen Freundeskreises und fühlte mich so lebendig und stark, wie ich es mir davor immer gewünscht hatte.

Darauf folgten noch etliche Turbulenzen und unerwartete Wendungen – eben ein lebendiges Leben, mit Höhen und Tiefen.

Inzwischen bin ich Mitte dreißig und wenn ich zurückschaue, auf die bisherigen zwei Jahrzehnte, in denen ich so intensiv mit meiner seelischen Gesundheit unterwegs bin, bin ich sehr dankbar, berührt und auch stolz, zu welchem Mensch ich mich in dieser Zeit entwickelt habe und was ich dabei alles entdecken durfte.

Es ist auch heute nicht alles einfach. An manchen Herausforderungen scheitere ich weiterhin munter vor mich hin und bei manchem möchte ich zwischendurch auch die Flinte ins Korn werfen. Und gleichzeitig streichle ich mir dabei immer wieder liebevoll über den Kopf, nehme mich in den Arm und bin für mich da.

Ich will hier nichts romantisch beschönigen, denn harte Zeiten gibt es natürlich immer noch. Das Wasser ist noch nicht fertig abgeflossen. Wenn es zu viel regnet, entsteht schon mal wieder Druck im Stausee und immer noch ist es nicht angenehm, wenn sich das Wasser dann seinen Weg sucht. Inzwischen bin ich allerdings gelassener damit geworden, denn ich habe schwimmen gelernt. Und Tiefseelentauchen gleich dazu, denn es ist recht hilfreich, sich in den inneren Tiefen einigermaßen zurecht zu finden.
Oft genug habe ich inzwischen erlebt, dass das Wasser seinen Weg immer findet – und dabei nach anfänglichem Chaos die ein oder andere neue Uferlandschaft geschaffen hat, die nach einiger Zeit Lebensraum für ungeahntes Neues bietet.

Auf diese Art wird der Stausee weiterhin mehr und mehr zur Flusslandschaft werden und ich bin sehr, sehr neugierig, welchen Verlauf diese in den nächste Jahrzehnten finden wird! 🙂



Vor kurzem habe ich zum ersten Mal in einem anderen Podcast meine eigene Recovery-Geschichte erzählt, und zwar im Podcast „Psychos“ von Valeria Anna Lampert. Wenn du neugierig bist, kannst dir die Folge hier auf Spotify und hier auf iTunes anhören.

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