Hoffnungsvoller Realismus in Krisenzeiten

Die letzten Wochen waren anstrengend für mich. So viel Chaos, ständiges flexibel anpassen an neue Situationen und wenig Zeit, um mal durchzuschnaufen und zu verdauen, was da so alles an Eindrücken und Erlebnissen auf mich eingeprasselt ist.

Durch die Pandemie hat sich mein Arbeitsalltag stark verändert. Zum Glück bin ich seit Anfang des Jahres auch wieder in einer Teilzeit-Anstellung, denn alle Seminare, Weiterbildungen und Veranstaltungen, für die ich in diesem Halbjahr gebucht war, sind pandemiebedingt abgesagt. Dank des Teilzeit-Jobs muss ich mich nun aber zumindest nicht mit Existenzängsten herumschlagen.

Als Dozentin bin ich in der neuen Situation allerdings gefordert, permanent flexibel auf neue Auflagen zu reagieren und kreative Ideen zu entwickeln, wie ich den Unterrichtsstoff nun online sinnvoll umsetzen kann. Auch der organisatorische Aufwand rundherum ist deutlich gestiegen und mehrfaches Einspringen in anderen Bereichen hat die Zeitplanung ordentlich durcheinander gebracht.
Das ständige flexibel sein müssen zehrt dabei auf die Dauer ganz schön an meinen Nerven und ermüdet mich.

Vieles, das ich eigentlich sehr gerne mache, blieb in den letzten Wochen auf der Strecke. Wenig Kopf für kreatives Schreiben, wenig Raum für den Podcast, Freunde zu treffen ist nicht mehr so einfach, viele Veranstaltungen, auf die ich mich gefreut hatte, sind abgesagt und die geplanten Besuche in meiner Heimat sind durch Reisebeschränkungen gerade nicht machbar.

Ich tröste mich mit Sport, in der Natur sein und lesen, denn das hilft mir, mich trotzdem einigermaßen zu regulieren. Dennoch ist da oft ein Gefühl von Überforderung und Frustration und ich merke, wie notwendig Ruhepausen gerade sind – und wie schwierig es mitunter ist, diese in all dem Trubel, der sich immer nach „wichtig, gleich erledigen, jetzt!“ anfühlt, auch zu nehmen.

Wieso erzähle ich dir das? Weil ich weiß, dass es zur Zeit vielen Menschen ähnlich geht. Die aktuelle langfristige Ausnahmesituation verunsichert und triggert alte Gefühle. Wir sind gefordert uns neu zu sortieren, während manche unserer Ressourcen, wie bspw. Freunde zu treffen oder gewohnte Alltagsstrukturen nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Für manche Menschen ist die Ruhe und die Reduzierung von Kontakten gerade auch eine Erleichterung – während andere sie nicht gut aushalten, sich einsam fühlen, oder wie in meinem Fall von Ruhe einfach noch gar nichts merken.

Trotzdem möchte ich dir Mut machen, falls du dich auch gerade belastet und angestrengt fühlst.

Nach einigen bewältigten Krisen bin ich nämlich keine hoffnungslose Optimistin, sondern eine hoffnungsvolle Realistin geworden. Zu oft schon habe ich erlebt, wie sich die düsteren Wolken wieder verzogen haben und sich das sture Bestehen darauf, dass es Lösungen geben muss, auch wenn ich sie noch nicht sehen kann, ausgezahlt hat. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es auch dieses Mal so sein wird.

Für mich heißt das im Moment konkret:

Ich bin sanft mit mir. Ich sehe, dass das gerade eine herausfordernde Zeit ist und habe Verständnis mit mir – und mit anderen.
Ich achte bewusst darauf, meine Ressourcen aufzufüllen, genug zu schlafen und meinen Körper zu bewegen. Gleichzeitig bin ich nachsichtig mit mir, wenn es mir mal nicht so gut gelingt.

Wenn ich das Gefühl habe, Unterstützung zu brauchen, frage ich danach. Ob das ist, dass ich meinen Partner bitte, mich in den Arm zu nehmen und einfach mal eine Weile festzuhalten, oder ob ich eine Freundin anrufe, bei der ich mich verstanden fühle und mit deren Hilfe ich meine Gedanken neu sortieren kann, oder auch ob ich ganz konkret bei Aufgaben um Unterstützung bitte, die ich alleine gerade nicht lösen kann.

Ich höre auf, Dinge lange Zeit schwarz zu malen und mich nur mit Problemen zu beschäftigen, weil ich schon oft genug erlebt habe, dass es sinnvoller ist, mich erst wieder aufzutanken und Probleme dann anzugehen. Der Gemütszustand, in dem wir uns befinden, bestimmt nämlich mit, auf welche Ideen wir kommen und wie wir die Welt wahrnehmen – und ich bin deutlich kreativer und konstruktiver, wenn es mir gut geht.

Manchmal merke ich auch, dass ich genug habe von konstruktiv sein und Lösungen suchen, und dann lasse ich mich einfach in Ruhe, koche mir einen Kakao oder lecker Grießbrei und schau mir einen netten Film an oder lese meine Lieblingsbücher. Meist legt sich das innere Grummeln dann irgendwann von ganz alleine.

Außerdem achte ich darauf, dass auch Spaß und Freude nicht zu kurz kommen – ob es Videokonferenzen mit Freunden und der Familie sind, schöne Momente in der Natur, zu meiner Lieblingsmusik tanzen oder auch einfach mal wieder richtig lachen bei einem lustigen YouTube-Video. Wenig regeneriert so wirksam wie Freude, und selbst kleine Momente davon hellen den Alltag auf, wenn ich sie bewusst wahrnehme.

Ich bin dankbar für jeden Moment, in dem ich aus dem gefühlten Stress aussteigen kann und das Gefühl habe, wieder bei mir zu sein. Da fühle ich mich zuhause und erinnere mich daran: alles gut. Es darf zwischendurch schwierig sein, aber hierher komme ich immer wieder zurück.

Gleichzeitig habe ich großes Verständnis dafür, dass mir all das nicht immer super gelingt, mich manchmal die Angst packt und alte Muster zu laufen beginnen. Und ich bin nach all den herausfordernden Zeiten, die ich bisher erlebt habe, zuversichtlich, dass es auch jetzt gute Lösungen gibt, mit denen ich mich wieder wohl fühle in meinem Alltag. Ich habe sie vielleicht noch nicht vollständig gefunden, aber ich weiß, dass ich so lange stur auf gute Lösungen beharre, bis sie vor mir stehen, denn das habe ich schon des öfteren erfolgreich so praktiziert.

In diesem Sinne wünsche ich auch dir viel Verständnis und Mitgefühl für dich und andere. Mut und Hoffnung, um in schwierigen Zeiten durchzuhalten, Spaß und Freude, selbst wenn sie nur kurz sind, damit die Lebensgeister regenerieren und obendrein eine ordentliche Portion Sturheit im besten Sinne für deine Ziele.
Und nicht vergessen: du musst nicht alles alleine schaffen. Oft ist es nur ein kleiner Schritt Richtung Hilfe, der einen riesigen Unterschied für das Gefühl im eigenen Leben ausmachen kann.


Erste Unterstützung in Krisenzeiten findest du zum Beispiel auch bei der Telefonseelsorge (hier die Links: Deutschland, Österreich, Schweiz).