„Selbst nach 18 Jahren System-Erfahrungen kann man noch durchstarten.“

Recoverygeschichte zum 04.12.2019 von Florian Schumacher

Meine erste psychische Erkrankung fing mit 18 Jahren an. In der Ausbildung für Kälteanlagen bekam ich meine erste psychotische Episode. Es kam damals ein 6-Wöchiger Aufenthalt in einer Psychiatrischen Klinik. Hier musste ich von Anfang lernen was es bedeutet eine paranoide Schizophrenie zu haben.

Am Anfang war mir nicht bewusst was das auf meine Zukunft bedeutet. Ich bekam sehr viele Tabletten. Nach 6 Wochen ging es mir wieder besser, sodass ich wieder entlassen werden konnte. 

Man sagte mir damals, dass es sein kann, dass die Erkrankung immer wieder kommen kann. Dies verdrängte ich aber. Ich habe mir eingeredet, dass die Psychotische Erkrankung nur einmal bei mir aufgetreten sei. Mir war wichtig, wieder NORMAL zu sein. 

Leider musste ich aufgrund der Erkrankung meine Ausbildung abbrechen. Dies war sehr hart für mich, aber es schreckte mich nicht davon ab eine weiter Ausbildung zu beginnen. Ca. ein Jahr nach meiner Ersterkrankung, begann ich meine zweite Ausbildung zum Gas – Wasser Installateur. Ich war sehr motiviert und engagiert. Leider setzte ich mich wieder sehr unter Druck, sodass die nächste psychische Erkrankung kam. Diesmal bekam ich die Diagnose schizo-affektive Störung. Nach einem erneuten Krankenhausaufenthalt musste ich eine Entscheidung treffen. Ich hatte die Möglichkeit, die Ausbildung neu zu starten oder eine Reha für Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu machen. Ich entschied mich für die Reha. 

Leider musste auch die Reha erfolglos abgebrochen werden. Nun kamen viele Zukunftsängste. Was nun? Aber ich gab nicht auf, ich entschied mich den Gang in eine WfBM zu gehen. Diese Einrichtung war speziell für psychisch Erkrankte. Im geschützen Bereich zu arbeiten war wertvoll. Kein DRUCK, kein STRESS und ich musste bei meinen Kollegen keine MASKE aufsetzen. Dort konnte ich mich zum ersten Mal öffnen. Ich habe gemerkt, ich stehe mit meiner Krankheit nicht allein da. Es ging sehr positiv weiter.

Ich machte zu der Zeit noch eine Psychotherapie. Diese half mir sehr beim Umgang mit dieser leider damals niederschmetternde Diagnose Schizophrenie. Ich habe gelernt besser auf mich zu achten. Und es entwickelte sich zum ersten Mal ein normales Leben, wo nicht meine Erkrankung im Vordergrund stand. In dieser Zeit war es wertvoll, dass meine Familie mich überall unterstützte. Sie gaben mir immer wieder Sicherheiten, nicht allein durch die Phasen zu müssen.

Meine extreme Vertraute war meine Mutter. Ich habe ihr immer anvertraut, wie es bei mir ausschaut. Was für sie eine extreme Belastung war. Heute muss ich sagen, wir müssen alle wieder genesen. Meine Familie begleitet mich immer noch auf meinen Recovery-Weg.

Mittlerweile bin ich 37 Jahre und zweifacher Familienvater. Die Geburt meines ersten Sohns Leon war für mich der Wendepunkt. Ich musste damals zusammen mit meiner damaligen Freundin und jetzige Frau Tanja, das Schiff, wo wir symbolisch drin sitzen, mit allen Höhen und Tiefen übernehmen. Verantwortung für mich und meine Familie zu übernehmen hat mich vorangebracht. Besonders im Umgang mit meiner Erkrankung. Von der erlernten Hilflosigkeit zu einem verantwortungsvollen Vater. 

Ich nahm ein Jahr Elternzeit Diese war so wertvoll in Bezug auf meine Erkrankung. Ich konnte mich nicht mehr hängen lassen. Ich musste ja für Leon da sein. Und ich habe es geschafft. Meine Frau war am Arbeiten und ich war daheim mit unserem wundervollen Wurm.

Liebe und Geborgenheit waren so wichtig auf dem Weg meiner Genesung. Ich wurde geliebt trotz meiner Erkrankung. Das ist so schön. Die Liebe hatte leider öfters auch andere Facetten gezeigt. Niemand wollte damals mit mir die Erkrankung durchstehen. Meine Frau Tanja schon. Sie gab mir vom ersten Tag unseres Kennenlernens das Gefühl, dass es doch okay sei, eine Erkrankung zu haben. Dies macht mir vieles leichter.

Nach der Elternzeit begann ich wieder zu arbeiten. Und es begann ein neuer Abschnitt meines Lebens. Ich habe immer mehr auf mich geachtet. Geschaut, wie es mir geht. Ich muss sagen, in dem Jahr habe ich viel Selbstbewusstsein getankt. Ich habe gemerkt, dass ich auch was kann, trotz Erkrankung. Dies nahm ich mit in die Arbeit. Hier engagierte ich mich nun für den Werkstattrat. Dies ist die Beschäftigtenvetretung der WfBM. Ich wurde von meinen Kollegen mit über 80 Prozent der Stimme gewählt. Das war damals ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Wertschätzung, Vertrauen und das Gefühl „ich werde gebraucht“ war Hammer. Ich wurde so Werkstattrat-Vorsitzender. Ich nahm an Sitzungen mit den Werkstattleitern teil. War bei den Einstellungen von Mitarbeitern der Einrichtung vor Ort (Vorstellungsgespräche). Des Weiteren kam damals eine Besuchskommission in die Werkstatt, wo ich auch in der Sitzung war. Dort lernte ich einen Sozialpädagogen kennen, der mir zum ersten Mal von EX-IN erzählte. Ich war verwundert, dass es eine Ausbildung für Psychiatrie-Erfahrene gibt. Das kannte ich vorher überhaupt nicht. 

Diese Ausbildung sollte alles verändern. Zum ersten Mal hatten meine Erfahrungen mit der psychischen Erkrankung einen Sinn. Ich wuchs über mich hinaus. Nach dem zweiten Modul bekam ich die Nachricht von meiner Frau, dass wir zum zweiten Mal Eltern würden. Zuerst kamen Ängste, aber diese verflogen sehr schnell. Ich machte die Ausbildung und wurde zum zweiten Mal Vater.

Mittlerweile bin ich nun fest in einer Tagesstätte für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. In Recovery-orientierten Einzelsettings begleite ich unsere Teilnehmer auf dem Genesungsweg. Des Weiteren biete ich eine Recovery.Gruppe in der Einrichtung an. Ich selbst muss sagen das es schon bemerkenswert ist, was wir Psychiatrie-Erfahrene alles leisten können. Oft werde ich auch als Dozent gebucht, wo ich vielen die Augen öffne, was alles möglich ist.

Ich kann nun auch sagen, selbst nach 18 Jahren System-Erfahrungen kann man noch durchstarten. Wichtig ist immer noch der Glaube an die eigene Stärke, die ich und wir alle in uns besitzen. Zwischendurch hatte auch ich Phasen, wo ich an meine Grenzen gestoßen bin, aber ich weiß nun durch meine Erfahrungen, dass ich sehr achtsam mit mir immer wieder umgehen muss.

Ein weiter Baustein/Wunsch, den ich gesetzt habe, war der Erwerb der Fußballtrainer C Lizenz. Auch die habe ich geschafft. Nun bin zweifacher Familienvater, Fußballtrainer und besonders bin ich der Herr auf meinen „eigenen Schiff“. Des Weiteren lebe ich nach dem Motto von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Zum Abschluss muss ich sagen, selbst wenn ich mal wieder eine Krise habe, weiß ich, dass es nicht schlimm ist. Daraus lerne ich jeden Tag. Wichtig ist nur, dass ich die Krise im Griff habe. Und nicht die Krise mich.

Danke noch einmal Martha, dass du den Podcast ins Leben gerufen hast. Dieser ist so wertvoll.

Liebe Grüße,

Euer Florian Schumacher


Ein Kommentar

  • Gabriele Belej

    Lieber Florian,
    deine Recoverygeschichte ist bemerkenswert und ich bewundere Deinen Weg, mit einer Schizo-Affekiven Störung. Die ich auch habe.
    Und das Du auch durch die EX-In Fortbildung neue, gute Perspektiven erarbeiten konntest.
    Eine schöne Vorweihnachtszeit, wünsche ich Dir und Deiner Familie.
    Herzliche Grüße
    Gaby

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